Über die Straße der 7 Seen

In Bariloche haben wir uns für 2 Tage ein Auto gemietet, um die mit Straßen durchzogenen Nationalparks Nahuel Huapi und Lanin zu erkunden. Da der Verkehr in Argentinien und Chile für unsere Verhältnisse normal ist, waren wir auch recht zuversichtlich, dass wir das Auto heile wieder zurückgeben  (die Versicherung deckt nur Totalschaden). In allen anderen Ländern, die wir bereist haben, wäre Autofahren für uns schlichtweg nicht möglich gewesen. Am Nachmittag des ersten Tages fuhren wir bei mäßigem Wetter bis Villa la Angostura am Lago Nahuel Huapi nahe der chilenischen Grenze. Wir sind es ja leider vom Busfahren gewöhnt, an schönen Ecken nicht einfach anhalten und aussteigen zu können, und daher haben wir es besonders genossen flexibel zu sein und anzuhalten wo wir wollen. In Angostura hatten wir leider das Problem, dass das Dorf völlig überfüllt war, weil genau an diesem Wochenende ein Wettrennen durch die Berge stattgefunden hat. Dies führte dann dazu, dass für uns leider nur eine überteuerte Unterkunft übrig blieb. Abends sind wir dann noch essen gegangen, was sich auch schwierig gestaltete, da wir nicht wussten, dass viele Restaurants (anscheinend vor allem die, die wir empfohlen bekommen hatten), erst nach 20 Uhr aufmachen. So liefen wir von Restaurant zu Restaurant und standen ständig verwundert vor verschlossenen Türen. Die Öffnungszeiten hier in Argentinien scheinen denen in Spanien sehr ähnlich zu sein, denn viele Geschäfte machen auch Siesta. Am nächsten Morgen begrüßte uns der Sonnenschein und wir freuten uns riesig, die Gegend nun bei gutem Wetter erkunden zu können. Von Angostura aus fuhren wir über die berühmte „Route der 7 Seen“ durch die so genannte argentinische Schweiz, teilweise auf Teer  und teilweise auf Schotter, von Angostura nach San Martin de los Andes. Die Straßen winden sich durch recht liebliche Landschaft entlang von Seen und schneebedeckten Bergen. Auch die Wälder hier sind beeindruckend schön. Teilweise fuhren wir durch Nadelwald, teilweise durch so genannten Valdivianischen Regenwald. Es gab hier natürlich – wie immer im Regenwald – viele tolle Bäume zu sehen, aber auch viele blühende Pflanzen und Bäume. Vor allem der Ginster entlang der Straße war eine leuchtende Augenweide. Am dritten Tag fuhren wir über Villa Traful wieder zurück nach Bariloche. Dies war eigentlich der schönste und abgelegenste Streckenabschnitt und wir waren traurig, dass wir uns so hetzen mussten wegen der pünktlichen Mietwagenrückgabe. In Villa Traful wären wir gerne noch eine Nacht geblieben, da es so überraschend schön dort war. Es liegt nicht auf der Haupttouristenroute und hat dadurch wesentlich mehr natürlichen Charme. Außerdem durchfuhren wir noch ein Gebiet mit vielen bizarren Gesteinsformationen, die wie aufgesetzt auf den grün bewachsenen Bergen wirkten, bevor wir wieder über die große Ruta 40 zurück nach Bariloche fuhren. Nach der Mietwagenrückgabe gönnten wir uns noch einen Bigmac, der einzige nicht-überteuerte Burger, der im Vergleich zu den anderen Burgern gerade mal die Hälfte kostet (etwa 4 Dollar). Grund hierfür ist, wie wir erfahren sollten, der Bigmac-Index, der weltweit als Indikator für die Kaufkraft einer Währung herangezogen wird. Die hiesige Regierung hält die Bigmac-Preise durch Subventionierung niedrig, um die horrende Inflation zu vertuschen. Klingt irgendwie nach Diktatur, oder? Am nächsten Morgen konnten wir uns nicht so recht entscheiden, ob wir nochmal auf die Insel Chiloe fahren sollen. Letztendlich entschieden wir uns doch dafür nur bis Puerto Varas zu fahren, da wir keine Lust mehr hatten in den letzten Tagen in Chile so viel Zeit im Bus zu verbringen. 3 Wochen zuvor waren wir ja schon mal in Puerto Varas, aber aufgrund des schlechten Wetters haben wir eigentlich nichts von der schönen Landschaft dort gesehen. Hoffentlich haben wir diesmal mehr Glück.

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Schlumpfeis

Unser nächstes Reiseziel war El Calafate, oder genauer gesagt der weltberühmte Gletscher „Perito Moreno“. Schon im Bus nach Calafate trafen wir das deutsche Paar Enno und Doro, mit denen wir uns dann eine Unterkunft zusammen gesucht haben. Da hier zum ersten Mal auf der ganzen Reise der Ofen funktionierte, haben wir uns entschlossen zusammen Pizza zu machen. Wir hatten einen netten Abend und am nächsten Morgen bestiegen wir also den fies-teuren Bus (28 US$ p.P, hinzu kommen noch etwa 25 Dollar Parkeintritt p.P.) in Richtung Gletscher. Schon die Fahrt war wieder atemberaubend schön und führte uns durch wilde Landschaft vorbei an Seen, Flüssen und schneebedeckten Bergen. Während der Fahrt fiel uns auf, dass ein argentinischer Passagier den Busfahrer mit Matetee aus ihrem eigenen Becher versorgte. Der Matetee wird aus speziellen, meist schön verzierten Tassen mit „Filterstrohhalm“ aus Metall getrunken, und dies am besten ständig und überall, selbst beim Laufen auf der Straße. Mate trinken ist ein wichtiges gesellschaftliches Ritual und anscheinend haben viele immer heißes Wasser, den Tee und ihre Mate-Tasse dabei. Wir hatten vorher natürlich schon vom Mate gehört, aber dass das hier solche Ausmaße hat war uns nicht klar. Wir selbst haben ihn auch probiert. Er schmeckt gruselig, etwa so, als würde man eine Zigarette mit heißem Wasser aufgießen. Ich glaube unser Hostel-Papa war etwas vor den Kopf gestoßen, als wir ihm gesagt haben, dass Mate schrecklich schmeckt. Am Gletscher angekommen haben wir uns dummerweise erst dafür entschieden, eine Bootsfahrt (20 US$ p.P.) zum Gletscher zu machen, die sich leider nicht gelohnt hat, da man nur kurz an den Gletscher heran fährt und ihn auch nicht besser sieht (naja, eigentlich eher schlechter) als von den sogenannten „Laufstegen“ aus (aber das wussten wir da ja noch nicht, weil die Laufstege noch nicht in Sicht waren). Das Highlight der Bootsfahrt waren die ganzen Menschen, die auf der Treppe posiert haben, um sich vor dem Gletscher fotografieren zu lassen. Manche haben sich ganz schön ins Zeug gelegt ;-).  Solltet ihr also jemals dorthin kommen, dann schmeißt kein Geld für teure, sinnlose Bootsfahrten raus! Von den Laufstegen aus hatten wir einen richtig guten Blick auf die gesamte Gletscherzunge. Die Front des Gletschers leuchtet schön blau, ist wirklich gigantisch groß und an den höchsten Stellen bis zu 70 m hoch. Die Größenverhältnisse waren wieder völlig surreal und nicht einzuschätzen, was wir daran gemerkt haben, dass scheinbar Schneeball-große Stücke vom Gletscher abbrachen, die dann mit einem lauten Knall im Wasser aufklatschen. Das Stück war dann wohl doch größer als es aussah. Eine weitere Beobachtung machte uns deutlich, wie groß der Gletscher sein muss: in scheinbar kurzer Entfernung von uns brachen Stücke ab und fielen in den See. Der Knall, der beim Aufprall auf das Wasser entstand, erreichte uns allerdings mit deutlicher Verzögerung, so dass klar war, dass die Stelle doch weiter weg von uns sein musste als wir annahmen. Ist schon komisch. Wir gehörten leider nicht zu den Glücklichen, die beobachten können wir ein richtig großes Stück in den See donnert, aber dafür haben wir tolles Wetter gehabt und konnten die Aussicht auf Gletscher, Berge und den Lago Argentino genießen. Am Nachmittag desselben Tages haben wir uns dann im 28 Stunden-Bus auf den Weg nach Bariloche  im Norden Patagoniens gemacht. Der Bus war diesmal unverschämt teuer (200 Dollar pro Person), dafür wesentlich bequemer, doch leider auch mit schlechterem Service. Wir fuhren zeitweise wieder stundenlang durch die langweilige argentinische Pampa. Aufregend waren hier Kühe, Schafe  und Ölpumpen. Lustig sind auch die vielen Altare für Gauchito Gil, der hier im Prinzip wie ein katholischer Heiliger verehrt wird, aber eigentlich nur ein Argentinier war, der sich a la Robin Hood aufgeführt hat und auch Wunder vollbringen konnte. Zudem gilt er als Schutzheiliger der Auto-, LKW- und Busfahrer. Mitten im Nirgendwo gibt es immer wieder kleine und große rote Schreine, wo die Menschen leere Plastik-Getränkeflasche, Zigaretten, rote Fahnen, Mate-Tee und allen möglichen Plunder wie rot gestrichene Waschmaschinen (!) für Gil hinterlassen, damit der ihnen Glück bringt, sie beschützt oder ihnen einen Wunsch erfüllt.  Ansonsten haben wir uns über die vielen gründlichen Polizeikontrollen gewundert und nicht schlecht geschaut, als uns irgendwann während der Fahrt klar wurde, dass uns unsere Reise über einen riesengroßen Umweg über Comodoro an der Atlantikküste führt. Wir waren völlig verwirrt, als wir feststellten, dass der vermeintliche große See das Meer war…. Gerädert von der langen Fahrt erreichten wir abends Bariloche und waren froh, endlich was Richtiges essen und ins Bett gehen zu können.

Ein patagonischer Wander- und Wettertraum

Argentinien – bisher hatten wir damit hauptsächlich Rindfleisch, Pampa und berühmte Fußballer mit komischen Frisuren assoziiert. Seit der Planung unserer Reise wissen wir, dass das argentinische Patagonien auch tolle Berge und weltberühmte Gletscher zu bieten hat; und diese wollten wir natürlich besuchen. So fuhren wir von Puerto Natales über die Grenze bis zum kleinen Dorf El Chalten, ein Mekka für Kletterer und Bergsteiger. Lustigerweise fiel uns beim ersten Kontakt mit Argentiniern gleich auf, dass sie tatsächlich genauso sprechen, wie es beispielhaft auf unserer Spanisch-Lern-CD vorgestellt wurde. Das klingt wie ein niedlicher Sprachfehler (aber das dürfen wir mit unserem deutschen Akzent ja eigentlich gar nicht sagen ;-). El Chalten existiert erst seit 1985 (es wurde wohl wegen eines Grenzkonflikts mit Chile gegründet) und besteht eigentlich nur aus Hotels und Cafes. Es gibt keinen Handyempfang, selten Internet (und laaaangsam) und es liegt direkt im UNESCO-Weltnaturerbe Nationalpark „Los Glaciares“. Als wir abends ankamen war es extrem kalt und windig, aber wir konnten schon vom Ort aus die markanten Berge Fitz Roy und Cerro Torre sehen. Trotzdem haben wir ziemlich geflucht, weil es bei diesem Wetter unmöglich gewesen wäre zu wandern. Wir gingen ins Hostal „Aylen Aike“, wo wir einen 6er-Schlafraum für uns allein hatten (16 Dollar pro Bett und Nacht). Am nächsten Morgen waren kaum Wolken am Himmel und der Wind hatte sich gelegt, so dass wir uns über perfektes Wanderwetter freuen konnten. Wir wanderten über tolle, gut ausgeschilderte Wege mit atemberaubenden Aussichten und durch grüne Wälder zur Laguna Torre und zum Aussichtspunkt „Maestri“, von wo aus wir einen perfekten Blick auf den Gletscher „Grande“ und den Cerro Torre hatten. Nach dem fast 4-stündigen Aufstieg legten wir hier erstmal eine lange Pause ein und bewunderten den Berg, der majestätisch über dem Tal hervorragt und lauschten dem gelegentlichen mächtigen Knacken des Gletschereises. Dieser Ort hat uns voll in seinen Bann gezogen. Da der Cerro Torre auch einer der berühmtesten Kletter-Berge der Welt ist, versuchten wir Kletterer in der Wand zu finden, was uns leider nicht gelang. Wir dachten an die ganzen Menschen, die physisch und mental in der Lage sind, dort heraufzuklettern, und Christina dachte mit etwas Verzweiflung und Wehmut daran, dass es für manche Dinge im Leben zu spät ist. Dort hinaufklettern zu können ist ein riesengroßer Traum, aber da hätte sie wohl mal vor 20 Jahren anfangen müssen. Christina hat ja schon eine Liste mit „Dingen“ fürs nächste Leben, und die Besteigung des Cerro Torre wird da aufgenommen. Nur widerwillig machten wir uns auf den Rückweg und auf den letzten Kilometern waren die Beine ganz schön schwer. Abends gingen wir noch in den höllisch teuren Supermarkt und kochten leckere Frikadellen. Am nächsten Morgen wachten wir wieder bei strahlendem Sonnenschein auf – ein kleines patagonisches Wunder (in diesem Falle wäre Alexander Huber neidisch auf uns, und nicht nur wir auf ihn). Leider hatte sich Christina am Tag vorher während der Wanderung wohl den Fuß ramponiert – wahrscheinlich war der rechte Schuh nicht fest genug gebunden gewesen – und wir konnten nur eine kleine Wanderung zu einem Aussichtspunkt auf den Lago Viedma und das Fitz Roy- und Cerro Torre-Massiv machen. Wir picknickten dort und hörten Hörbuch mit Aussicht auf die gewaltigen Berge. Abends beschlossen wir die argentinische Kultur zu genießen – natürlich die Esskultur. Wir gingen in ein gutes Restaurant, wo Christina das erste Steak ihres Lebens aß (sie erinnert sich zumindest nicht, jemals eins gegessen zu haben). Das Fleisch war überraschend lecker und hat gar nicht nach Kuh geschmeckt. Und die Portionen waren riesengroß: Christina hat sich eine halbe Portion bestellt, die immer noch größer war als ein normales Steak in Deutschland und Ulis Steak wog über 600 g. Da waren wir mal wieder richtig lecker satt. Frühstücken am nächsten Morgen ging zumindest bei Christina nicht wirklich. Am dritten Tag unseres Aufenthaltes unternahmen wir noch eine weitere Wanderung zum Fitz Roy-Massiv, die aufgrund eines sehr steilen Aufstiegs zu einem Aussichtspunkt an der Laguna de los Tres und der Länge von ca. 25 km dann doch recht anstrengend war. Aber wir wurden wieder mit wunderschönem Wald, Seen, klaren Bergbächen, schneebedeckten Gipfeln, Gletschern, markanten Granittürmen und wunderbarem Wetter belohnt (es war keine Wolke am Himmel!). Hier in El Chalten tranke wir übrigens das erste Mal seit Reisebeginn Leitungswasser und während der Wanderungen genossen wir das leckere Gletscherwasser, das wir einfach in die von „Unterwegs“ gesponserten Nalgene-Flaschen mit den großen Öffnungen einfüllen konnten. Wellness gratis! Am Tagesende fühlten sich unsere Füße schrecklich platt gelatscht an. Wir haben auch oft an Christinas Eltern denken müssen, denen das Wandern hier sicherlich auch sehr gut gefallen würde. Am letzten Tag unseres Aufenthaltes im Aylen-Aike-Hostel haben wir noch vom Besitzer erfahren, dass die weltberühmten Kletterer häufig bei ihm übernachten. So haben beispielsweise David Lama und die Huberbuam bei ihm gewohnt (und wohl erfolglos auf gutes Wetter gewartet). Stolz hat er uns seine „Am Limit“-DVD (Kletterfilm von den Huber-Brüdern) gezeigt, auf denen Alexander und Thomas unterschrieben hatten. Und für uns war es auch mal ganz cool zu sehen, wo die weltbesten Kletterer so unterkommen und auf gutes Wetter warten, um dann ihre und auch unsere Träume zu leben. Am vierten Tag verließen wir bei immer noch herrlichstem Sonnenwetter und mit einem mulmigen Gefühl des Abschieds im Bauch El Chalten, wo es uns wirklich gut gefallen hat.